Mittwoch, 11. Mai 2011

Rezension – Carlos Ruiz Zafón: »Mitternachtspalast«

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Carlos Ruiz Zafón ist in Deutschland wegen seines Barcelona-Zyklus berühmt geworden, obwohl seine schriftstellerische Karriere mit einer ganz anderen Art von Geschichten begann. Ich weiß noch, dass ich damals nach der Lektüre von »Der Schatten des Windes« nach weiteren Zafón-Büchern gesucht habe und einzig ein schmales dtv-Taschenbüchlein vorfand, das damals gebraucht auf Verkaufsplattformen für dreistellige Summen gehandelt worden war: »Der Fürst des Nebels« ist sein erster Roman und war auch die Geschichte, mit der ihm damals in Spanien der Durchbruch gelang. Es ist ein Jugendbuch, genauso wie »Mitternachtspalast« – sein zweiter Roman, der 1994 veröffentlicht und 2010 zum ersten Mal in Deutschland auf den Markt kam. Ist Zafón mit diesem Jugendroman ein weiterer Bestseller gelungen?

Inhalt
Nicht Barcelona, nicht Spanien, sondern Indien und Kalkutta ist der Schauplatz dieser Geschichte und die Chowbar Society, ein Geheimbund, steht in ihrem Mittelpunkt. Diese Gesellschaft besteht aus sieben Waisenkindern, die sich geschworen haben, einander in allen Lebenssituation zu helfen und zu unterstützen. Sie heißen Ben, Ian, Seth, Isobel, Michael, Siraj und Roshan. Da die Jugendlichen bald 16 Jahre alt werden und dann das Waisenhaus verlassen müssen, beschließen sie, ihren Geheimbund feierlich im Mitternachtspalast, ihrem verborgenen Treffpunkt, aufzulösen. Doch dann tauchen mehrere Unbekannte auf, unter ihnen eine ältere Frau mit ihrer Enkelin Sheere, die ebenfalls 16 wird. Die Mitglieder der Chowbar Society beschließen, Sheere in die Gruppe aufzunehmen, bevor sie aufgelöst wird. Doch mit dem Auftauchen der Fremden, unter ihnen auch der geheimnisvolle Mann namens Jawahal, stolpern die Freunde in ein mörderisches Abenteuer, dem sie nicht entkommen können. Die Antworten auf alle Geheimnisse sind tief in der Vergangenheit vergraben.

Bewertung (ohne Spoiler) Zafón findet sich schnell in der neuen Kulisse zurecht und zeichnet ein schauriges Kalkutta, das den Leser in seinen Bann zieht. Lediglich die vielen Vergleiche („Es sah aus wie schwarzes Blut.“) sind mir ab und an massiv und unangenehm aufgefallen. Man kann Metaphern durchaus anders einarbeiten, als in ein und derselben Passage fünf Vergleiche auf einmal anzubringen (wie-wie-wie-wie-wie).
Die Mitglieder der Chowbar Society werden sehr liebenswürdig dargestellt. Jede Figur hat seine eigenen Stärken und Schwächen und als Team arbeiten die Freunde gut zusammen – auch dann, wenn die Situation zu eskalieren droht.
Lange Zeit schwankt die Handlung zwischen real möglichen und fantastischen Elementen, bevor ein eindeutiges Urteil gefällt wird. Diese Unsicherheit erhält die Spannung über weite Teile der Handlung aufrecht. Nachdem allerdings klar wird, in welche Richtung Zafón die Geschichte wandern lässt, bricht das Konstrukt in sich zusammen und der Leser inhaliert das, was ihm vorgesetzt wird, mit allen Konsequenzen – inklusive sehr langatmigen, vorhersehbaren Passagen. 
Unbedingt erwähnt werden muss noch die Umsetzung des Buches, welches sehr gut gelungen ist. Besonders das Vorsatzpapier ist umwerfend!

Fazit
Qualitativ kann es der »Mitternachtspalast« nicht mit seinen Roman aufnehmen, die zum Barcelona-Zyklus gehören (»Der Schatten des Windes«, »Das Spiel des Engels«), allerdings hat die Geschichte als Jugendroman durchaus ihren Reiz. Das Thema Freundschaft in guten und vor allem in grausigen Zeiten wird sehr gut umgesetzt – und die Betonung liegt hier wirklich auf »grausig«, denn der »Mitternachtspalast« ist nichts für schwache Nerven!


Carlos Ruiz Zafón
»Mitternachtspalast«
FJB, 400 Seiten, 18,95 Euro
ISBN: 978-3841440020
Erschienen am: 27. Oktober 2010

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